SHOW 14

fabian ginsberg

die namensnehmerinnen

 

1. August 2015 - 14. November 2015

eröffnung: 31. Juli 2015, 19 Uhr

 

English version see below

Ein Name geht seinem Subjekt immer voraus. Er ist schon da, wenn das Subjekt ihn wiedererkennt und bestätigt. Viele Namen zu haben, wäre eine Strategie, gegenüber sich selbst als Objekt nicht immer im Hintertreffen zu sein. Aber Namen können auch nicht frei erfunden werden. Irgendwoher müssen sie sich genommen werden.

Die Bilder der Ausstellung kombinieren Schriftzeichen mit Abdrücken von Körpern. Körper und Text: zwei Medien, die in vieler Hinsicht miteinander verwoben sind, ohne dass dies je ihre grundsätzliche Verschiedenheit aufheben könnte. Vereinte Gegensätze in Bildern (bedrucktes Papier auf Jute, Farbe, Holz, Plexiglas), die das Paradigma von Flächigkeit und Autonomie aufgeben, zugunsten von Transparenz, Spiegelung und veränderlicher Perspektive in übereinander gestaffelten Ebenen.

Auch die Skulpturen (aus Holztafeln und traurig werbenden, modischen Lackfarben) betonen Körperbewegung und Menschenähnlichkeit. Der ihnen aufgetragene Text spricht vom Namen und der Objektwerdung.

Fabian Ginsberg, geboren 1983, hat in Mainz und Düsseldorf Malerei studiert und lebt in Berlin. Zur Ausstellung erscheint „Quallenkopf. Der Tausch von Verwandlung“, ein Buch mit Texten des Künstlers.
 

A subject is always preceded by its name. It already exists when the subject recognizes and validates it. Viewing oneself as object, it would be a viable strategy to have many names in order not to constantly fall behind oneself. Yet, names cannot be freely invented; they must come from somewhere.

The pictures in this exhibition combine characters with imprints of bodies. Body and text: two media that are intertwined in multiple ways without ever dissolving their fundamental difference. Contrasts united in pictures (printed paper on jute, color, wood, plexiglas) that abandon the paradigm of plane and autonomy in favor of transparence, mirroring, and variable perspective by virtue of superimposed planes.

The sculptures (made from wood and sadly wooing, fashionable glossy paint) also emphasize body movement and humanoid aspects. The text applied to them speaks both of the name and of becoming object.

Born in 1983, Fabian Ginsberg studied painting in mainz and Düsseldorf and lives in Berlin. A book entitled „Quallenkopf. Der Tausch von Verwandlung,“ with texts by the artist will be published in conjunction with the exhibition.


buchpräsentation "QUALLENKOPF" von fabian ginsberg

Samstag, den 19. September 2015 um 19:00 Uhr
in der Kienzle Art Foundation
 
Einführung von Patrick Hohlweck,
Literaturwissenschaftler, Universität zu Köln
Dieses Buch erscheint anlässlich der Ausstellung:
Fabian Ginsberg
Die Namensnehmerinnen

„Die lineare, von links nach rechts laufende Geschichte, versehen mit Körpern vor einem Raum mit drei Seiten, vor dessen vierter unsichtbar im Dunkel der Beobachter sitzt, prägt alle Mittel des Handelns und Denkens.

Dagegen stellt das Netzwerk ein Bild bereit, um ungegenständliche, aber methodisch  strukturierte Vorgänge zu beobachten, ohne einheitliche Umgebung von Raum und Zeit. Je nach meinem Betrachterstandpunkt, den ich kennen muss, um etwas zu erkennen, und der Teil des Systems ist, sehe ich unterschiedliche Vorgänge auf unterschiedlich differenzierten und strukturierten Ebenen in ihren entsprechenden Zeit-, Raum- und Statushorizonten.

Um meinen Betrachterstandpunkt zu kennen, also selbst zu bestimmen und etwas erkennen zu können, brauche ich als Teil des Netzes Zugriff mindestens auf Teile der Systemadministration. Zugriff heißt nicht mehr Verfügung, denn wir haben die Subjekt/Objekt-Technik hinter uns gelassen, sondern Verbundenheit. Jedes Netzwerk lässt sich auch hierarchisch darstellen, denn Status ist immer schon eine Dimension. Also muss ich hierarchische Ebenen haben. Nur wenn ich innerhalb des Netzwerks, das mich umgibt und durchdringt, zwischen verschiedenen hierarchischen Ebenen mit mir und mit anderen tauschen kann, habe ich Zugang, sonst bin ich nur angeschlossen. Angeschlossen sein heißt: asymmetrische Verbundenheit, nur ausbeutbar sein.

Alles dreht sich um Differenz, denn durch sie wächst, mit sich tauschend, das System und differenziert sich. Sie wird von höheren Ebenen abgeschöpft und wieder investiert. Es gibt Netzwerkstrukturen, die durch viele unterschiedliche Ebenen des Systems reichen und dadurch produktiv mit sich selbst und allem tauschen können. Sie schenken Differenz im Tausch mit anderen, aber sie integrieren auch Differenz im Tausch zwischen ihren eigenen Ebenen, um sich selbst weiter auszudifferenzieren. Eigenes und Fremdes ist nicht mehr fest begrenzt, sondern bestimmt sich jeweils über Grade der Verbundenheit. Indem diese Netzwerkstrukturen sich ausdifferenzieren, verändern und durchdringen sie wiederum die sie umgebenden und durchdringenden anderen Netzwerkbereiche. Sie machen einen Unterschied.  

Es gibt auch flache Netzwerkstrukturen, die sich noch für begrenzte Subjekte halten, dankbar für ihren Anschluss, und das sind die Endnutzer. Sie sagen: Was soll man von meiner Person schon wissen, was meiner Person nehmen wollen?, und das stimmt, sie sind nur quantitativ von Wert. Die Differenz bildet sich abschöpfbar aus, indem den angewendeten Endnutzern Grenzen gesetzt werden, als die sie sich konsumieren. Sie selber brauchen für sich keine Differenz, sie freuen sich einfach, dass sie dabei sind. Dass sie sehr enge, vorgegebene Grenzen haben und mit nichts verbunden sind, stört sie nicht, denn die Dritte-Person-Perspektive bekommen sie für die Abgabe ihrer Erste-Person-Perspektive frei Haus geliefert. Vom Netzwerk aus betrachtet, sind sie Leibeigene, sie selber fühlen sich so frei wie noch niemand je. Ihre Täuschung verankert den Kategorienfehler einer Subjekt-Individualität in einem Netzwerk-Raum. Damit schaffen sie die Effizienz der Herrschaft von morgen, die heute als Konformismus immer kontrollierender die Flächigkeit einer Welt durchsetzt, deren Hierarchien einfach verschwinden. Jedenfalls aus dem Gesichtsfeld.“

Auszug aus: „Quallenkopf. Der Tausch von Verwandlung.“


Sammlung Kienzle