galerie kienzle & gmeiner

nackt- & abgasfarben

friederike clever | serina erfjord | sebastian hammwöhner | olga lewicka | chiara minchio | ralf ritter

 

8. November 2008 - 20. dezember 2008

 

In der Ausstellung geht es um physischen Widerschein, erhabene Materialität und körperhafte Emulsionen von Farbe als Bedeutungsspender. Das reicht von direkt einsatzfreudigem Farbauftrag, Knochenleim als Monotypieträger bis zu einem Farbfleck mit changierenden Aggregatszuständen.

Ist die Außenhaut der Malerei ihr bester Überzeugungsmoment? Materialität und Körperhaftigkeit von Farbe stehen im Vordergrund vieler Arbeiten der Ausstellung „Nackt- und Abgasfarben“. Das räumliche Sehen beginnt schon unterhalb eines Millimeters. Physische Bildoberflächen scheinen einen leibhaftigeren Blickkontakt zu ermöglichen als digital eingeebnete Bildwerte. Ein real körperhafter Farbauftrag funktioniert hier vielleicht entfernt wie ein Klettverschluss für die Rezeptoren in der menschlichen Netzhaut. Farbe als Emulsion, die auch Illusionsmomente im Bild nicht ausschließt, zeigt bei allen beteiligten Positionen einen eher gelüfteten als gelifteten Umgang mit der Moderne. Schwer zu sagen, was besser ist. Die Botox-Moderne, wenn es sie denn gibt, kommt hier weniger vor. Die äußerste Schicht eines Bildes ist der Klingelknopf zu ihrer Körperlichkeit im Innenraum der Betrachterwahrnehmung.

Die sehr malerisch gezeichneten Teppiche von Sebastian Hammwöhner verblüffen durch fast haptische Trompe l´Oeil Effekte, die gleichzeitig Photorealismus und vormoderne Abstraktionsmodelle verhandeln und so mittlerweile gängige Moderne-Remixe auf der Zeitachse von historisch weiter hinten ausleuchten können.

Der bildliche Widerschein, von dem man nicht weiß, wie er so zustande gekommen sein kann, basiert bei Ralf Ritters Arbeiten auf einer Überdosis Grundierung. Ein Unmenge an Knochenleim in Verbindung mit einer Art Monotypie und McGyver-Trick lassen in der gezeigten Serie eine Reihe von Gegenständen hervorschimmern, die in den Besitz des Künstler gelangten, weil jemand starb. Die kargen Dinglichkeiten bewegen sich wie aus der Twilightzone auf den Betrachter zu.
 

Bei Chiara Minchio ist die Summe des Bildgeschehens förmlich eingekeilt zwischen zwei Bildebenen. Hinter unregelmäßig farbkräftiger Bildrasterung - zwischen Op und Pop - schimmern und strahlen immer noch schemenhafte Figurationen im Profil ins abstrakt verkeilte Bildvokabular mit hinein. Diese flache Wesenhaftigkeit im Seitenanschnitt korrespondiert mit der Vielzahl an nahezu schmerzhaft präzisen Hardedge-Kanten, die wiederum auch die flirrend simultane Vielteiligkeit abstrakter Farbflächen ermöglichen.

Ein einfacher schwarzer Fleck und nichts weiter, als das sich hier die Farbe unmerklich von fester zu flüssiger Farbe hin und her materialisiert. Kann es nicht geben, wird hier aber doch Bestandteil einer chronisch überforderten Wirklichkeit, die auch das noch zulassen muss. Die technischen Vorrichtungen, die das ermöglichen, sind kein artistischer Selbstzweck, sondern Mittel zum kleinen bestürzten Wahrnehmungskollaps, den man vor dem lebenden Fleck ziemlich irritiert verarbeiten muss. Ja, monochrome Malerei hat nur eine Zukunft, wenn sie künftig wechselnde Aggregatszustände von Farbe herstellen kann. Nein, Malerei als formale Disziplin interessiert Serina Erjord nicht im geringsten. Es geht um Wahrnehmungsfundamentalismus.

Die Saalschlacht als Malprozess oder andersrum ist ein Ausgangspunkt der bewegten abstrakten Bildwelten von Olga Lewicka. Beschleunigung, komplexe Bildorganisation, disparate Vielteiligkeit, die vermeintliche Klaviatur guter und schlechter Pinselattitüden werden beherzt aufeinander losgelassen. In den Fußstapfen eines konzertierten Bad Painting, aber mit neuem Schuhwerk, wird auch Kandinsky locker geschultert. vielleicht auch barfuss.

Wenn die Moderne nicht nur als Karaokeabend mit sentimentaler Stilkosmetik zelebriert wird, sind inzwischen feinziselierte aber wesentliche Unterschiede nicht so einfach zu lokalisieren. Eine vermeintlich echte Kennerschaft lässt sich gut bei Friederike Clever ausmachen. Hier agiert jemand direkt in den ursprünglichen Eingeweiden moderner Formkraft und macht aus vermeintlich alten Baustellen neue Rohbauten mitten im Richtfest.

Gunter Reski