brandenburgischer kunstverein potsdam

false friends

(collecting evidence teil I)

elisabeth cooper | leo de goede | david lamelas | jonathan lasker | bertold mathes | klaus merkel | gary stephan | franz erhard walther | jack whitten

 

29. November 2009 - 31. januar 2010

eröffnung: 28. november 2009, 19 uhr

kuratiert von gerrit gohlke

 

Besonders die Skeptiker oder Verächter der Malerei halten gemalte Bilder oft für eine prinzipiell einfache Sache. In dieser Sicht ist ein Gemälde vor allem ein Gemälde. Es repräsentiert den Stil des Malers und das Medium selbst. Malerei ist aus dieser Perspektive, bedrängt durch „modernere“ Medien, ein selbstreferentielles Spiel geworden. Sie ist ein Vehikel der Einnischung in die Kunstgeschichte, ein Exerzierfeld für die eigene Handschrift, ein Biotop für die letzten singulären Ober ächen. Für alle anderen Dinge wären demnach fast alle anderen Medien besser geeignet. Es gäbe nichts, was an der Malerei interessant wäre, außer dass sie Malerei ist.

Das Ausstellungsprojekt „False Friends“ ist eine Kritik dieser Kritik. Es betrachtet Malerei als einen Widerstandsakt, in dem der Maler sich vor allem den Betriebszwängen konventionellerer Medien entziehen kann. Malerei stellt aber zugleich einen unübersehbar hohen Anspruch an ihre Betrachter, indem sie eine permanente Nachjustierung der Betrachtungsbedingungen, der Sprachkenntnisse im Umgang mit ihren Zeichen verlangt. Malerei ist kein Medium, sondern eine Aufgabenstellung. Auch in ihren abstraktesten Ausformungen ist sie so konkret wie ein Verschlüsse- lungscode, wenn sie dem Publikum abverlangt, sich in die ständige Weiterentwicklung ihrer kleinsten Bedeutungseinheiten hineinzuversetzen. „False Friends“ hält Malerei für eine komplizierte Sache. Kompliziert, weil Malerei sich mit Komplexität gegen überschnelle Einverständnisse stellt.

Anders gesagt: Wer kann Malerei heute eigentlich noch verstehen?

Früher war die Antwort auf diese Frage einfach: Der Connaisseur, der Nicht-Banause, der Gebildete, der von Hause aus an Kunst Gewöhnte kann Malerei verstehen, weil er in einem mühsamen Training die Konventionen der Schönen Künste erlernt hat. Der Kenner sprach die Sprache der Malerei tatsächlich als Code. Sie war eine exotische und kostspielige Sportart, ein Spiel, eine Leidenschaft wie Polo und Hochseesegeln. Nur mit Expertenwissen ließ sich gute und schlechte Malerei unterscheiden.

Heute ist das anders. Die Museumspädagogik macht eine Malerei publikumstauglich, die immer eingängiger und wiedererkennbarer wird. Vor allem aber müssen die Museen und Kunsthallen Malerei nicht als Komplikation, als Testfall unserer Wahrnehmung und Kommunikationsfähigkeit, sondern als schnell lesbares Produkt verkaufen. „False Friends“ ist deshalb nicht nur ein Ausstellungstitel, sondern auch eine These über das Erfolgsgeheimnis der Malerei. „False Friends“ äußert den Verdacht, dass Malerei sich gut verkauft, weil sie sich schwer überprüfen lässt. Kaum jemand kann Malerei im Vorübergehen auf Herz und Nieren prüfen. Die Museen leben vom schnellen Kombinationsspiel, überraschenden Doppelpässen, der Plausibilität schlagender Konfrontationen. Während Malerei Aneignung fordert, bieten Museen Abkürzungen an. Die massenwirksame Malereirezeption lebt von diesen Abkürzungen. Die Angst vor dem Umweg wird zum Betriebsproblem.

Bewusstes Sammeln erscheint in dieser Sicht nicht nur wie das Gegenteil des heutigen Museums, sondern wie ein Refugium für die Langsamkeit der Aneignung und die Übersetzung des malerischen Codes. Sammler müssen nicht literat die Malerei dechiffrieren. Sie müssen aber Malerei nach eigenen Gesetzen kombinieren. Die Sammlung ist ein fragiles, fragwürdiges Gewebe malerischer Sprachformen, das aus einzelnen Entscheidungen entstanden ist. Sammeln ist ein unausgesprochenes Entscheiden über Nähe und Unvereinbarkeit, Ein- und Ausschlüsse. Sammler dürfen so willkürlich entscheiden wie die Maler selbst, eigenmächtig und ohne verbürgten Anspruch auf Verbindlichkeit.

Heute gewinnt die Tätigkeit des Sammelns (d.h. dieses eigensinnigen Sammelns) neue Aktualität. Der Sammler wird zum Prototypen, weil er sich Souveränität zutraut, einschließlich der damit verbundenen Irrtümer. Darum ist „False Friends“ nicht nur eine Metapher für die Zusammenfügung des Unvereinbaren in den gegenwärtigen Gruppenausstellungen, sondern auch die Lizenz zum Irrtum, zum Missverständnis, zur Selbstkorrektur des Sammlers.

„False Friends“ versammelt neun Bildpaare (zusammen mit einem Einzelgängerbild sind das 19 Gemälde), die offensichtliche Gemeinsamkeiten aufweisen, einander rhetorisch ähnlich und miteinander einfach zu rekombinieren sind, der gleichen Sammlung entstammen, sich aber auf den zweiten und dritten Blick der eindeutigen Nachbarschaft entziehen und eine eigene Sprache entwickeln. Nicht ohne Hintersinn werden hier Bilder der subjektiven Willkür ausgesetzt, um sie auf ihre Widerstandsfähigkeit hin zu überprüfen. „False Friends“ verlangt dem Betrachter ab, aus der Ausstellung ein Suchbild zu machen, Widersprüche zu entschlüsseln, Gleichartigkeiten zu misstrauen und im Nebeneinander das Einzel- bild auszusuchen. „False Friends“ ist ein zweideutiges, am Ende aber unkokettes Spiel mit dem Missverständnis. Das Projekt fragt nach dem Zusammenhang des Sammelns, nach der Legitimität der Bildpaarung und nach dem Wert der Intuition bei der Betrachtung. Nicht zuletzt ist die Ausstellung ein Spiel mit der Machtverteilung zwischen Künstler, Sammler und Kurator.

Wer entscheidet über wahr und falsch in der Kunst? „False Friends“ ist ein Versuchsaufbau, ein Experiment über diese Frage. Die Antwort zu geben sind wir alle autorisiert, vor allem aber das Publikum, dem die Sammlung keine Vorschriften macht.
 


Collecting Evidence

„Collecting Evidence“ ist eine Ausstellungsreihe, die sich in loser Folge der Praxis des Sammelns widmet und nach der Vermittelbarkeit der Sammlerperspektive fragt. Dabei geht es nicht darum, biografisch oder historisch Sammlerpersönlichkeiten zu präsentieren oder ihnen den Kunstverein als Podium zur Verfügung zu stellen. Das Projekt ist vielmehr ein gegenseitiger kritischer Dialog, in dem der radikal subjektive, nur seinen eigenen Maßstäben verpflichtete Sammlerblick anderen zugänglich gemacht wird.

Die Frage soll sein, wie sich Sammeln öffentlich machen lässt. Verändert der öffentliche Dialog die Beziehung des Sammlers zu den Werken? Sieht die Öffentlichkeit Kunst anders, wenn sie einem privaten Kontext entstammt? Ist Sammeln eine Vermittlungsform, ein Weg, Kunst plausibel zu machen? Sind Sammler Kuratoren oder sind Kuratieren und Sammeln zwei entgegengesetzte Wege, sich und anderen Kunst zu erschließen?

In den ersten Folgen der Ausstellungsreihe kooperiert der Kunstverein mit der Kienzle Art Foundation. Dies ist zugleich der Beginn einer vielversprechenden Zusammenarbeit zwischen der Sammlung und dem Verein. Dabei wollen der Kunstverein und der Sammler einen Dialog zwischen Sammlung und Öffentlichkeit anstoßen und Potsdam, Standort verschiedener Sammlungen, neue Anregungen geben, zivilgesellschaftliches Engagement und kulturelle Breitenwirkung zusammenzuführen.

In diesem Zusammenhang wird der Sammler Jochen Kienzle sich auf Vermittlung des Kunstvereins stärker in Potsdam engagieren.



Sammlung Kienzle