brandenburgischer kunstverein potsdam

alien

unheimliche wesen aus einer fremden welt

(collecting evidence teil II)

marieta chirulescu | louise fishman | claudia kugler | david lamelas | bertold mathes | tom meacham | klaus merkel | gary stephan | franz erhard walther | jack whitten

 

12. juni 2011 - 10. juli 2011

eröffnung: 11. juni 2011, 18 uhr

kuratiert von gerrit gohlke

 

Im zweiten Teil der 2009/2010 begonnenen Ausstellungsreihe "Collecting Evidence" zeigt der Brandenburgische Kunstverein nun bis Mitte Juli 15 Werke von neun Künstlern aus der Kienzle Art Foundation, einer Stiftung des Berliner Sammlers Jochen Kienzle.

Dabei geht es um die Frage, die den Sammler und den Kurator der Ausstellung gleichermaßen bewegt und betrifft: Wie nah kommen uns die Werke eigentlich und wie eng kann unser Verhältnis zu ihnen werden? Erfährt man von den "Audioguides" der Museen die Wahrheit über die Kunst? Oder ändert diese Wahrheit sich, wenn man die Kunst zu Hause zwischen Esstisch und Schlafzimmer an den Wänden aufhängt? Verändert ein intuitiver, aktiver Umgang mit den Werken unser Verständnis von (oder unsere Skepsis gegenüber) der Kunst?

"Alien - unheimliche Wesen aus einer fremden Welt" (wir haben uns den Titel von Ridley Scotts erstem Alien-Film entlehnt) geht davon aus, dass die Bilder eigentlich Fremde sind. Sammler und Kurator glauben, dass sich die Werke nicht vollständig erklären lassen. Oder vielmehr: Dass es viele Erklärungsversuche, aber keine fertige Erklärung gibt. Es gibt viele Worte, die sich über die paradoxen Geometrien, die formalen Widerspenstigkeiten der ausgestellten Exponate sagen ließen. Doch auch die gewichtigste historische Einordnung zieht keinen Schlussstrich unter unsere Empfindungen und Wahrnehmungen, wenn wir auf uns selbst gestellt vor der Leinwand die Farbe betrachten. Kunst macht Arbeit, sagt eine Binsenweisheit. Ist es denkbar, dass uns diese Arbeit niemand, auch kein Experte abnehmen kann? Dass wir zu Forensikern werden müssen, um die Beweisketten schließen, die Indizien verbinden zu können?

Ausgehend von dieser Annahme versuchen wir nicht, das Publikum mit Erklärungen zu beruhigen, sondern auf das uns Unerklärliche hinzuweisen. Die Ausstellung zeigt 2 Zeichnungen, 1 Fotografie und 12 Gemälde. Doch sie feiert diese Exponate nicht blind, sondern will die Paradoxa, die Rätsel und Seltsamkeiten beschreiben, die wir an ihnen beobachten können. Wir bitten das Publikum um seine Mitarbeit. Wir hoffen auf Stellungnahmen und sachdienliche Hinweise und legen zu diesem Zweck Formulare aus. Das tun wir nicht mit dem Trickreichtum der Museumspädagogen, die den Besucher gern herausfinden lassen, was sie schon zu wissen glauben. Sammler und Ausstellungsmacher erhoffen sich vielmehr, dass die Summe der Beobachtungen am Ende mehr über unseren heutigen Umgang mit Malerei, ihre Funktion und unsere Lesweisen aussagen wird, als uns zu Ausstellungsbeginn einsichtig war.

"Alien" ist also eine Ausstellung mit drei Seiten: Sie präsentiert eine Kunstsammlung höchster Qualität. Sie ist ein Kabinett herausfordernder Irritationen. Und sie ruft als Partizipationsprojekt zur Mitarbeit auf. Der Ausgang dieses Experiments ist so wenig vorhersehbar wie die waghalsige Kunst der Malerei selbst.
 


sammlergespräch mit jochen kienzle

 

Sonntag, 24. juli 2011, 18 uhr

brandenburgischer kunstverein potsdam

 

Eine offene Gesprächsrunde hinter den Kulissen der Ausstellung „Alien" mit Jochen Kienzle, Kienzle Art Foundation, Gerrit Gohlke, geschäftsführender künstlerischer Leiter des BKV Potsdam, und dem Publikum.
 

Gerrit Gohlke zum Gespräch mit Jochen Kienzle:
 

Sind wir nicht alle Kunstsammler? Schließlich sammelt der Staat in seinen Museen Jahr für Jahr zahllose Werke. Es zählt zu den fiebrig erwarteten Höhepunkten jeder Kunstmesse, wenn die Vertreter der Ankaufskommissionen ihre Runden machen und sich entscheidet, welche Künstler den Adelsschlag erhalten, in einer öffentlichen Sammlung vertreten zu sein.

Die Medien aber schauen mit größerem Interesse auf die privaten Sammler. Wer sind diese Leute, die ihr Vermögen in Kunst investieren? Wenn der Kunstbetrieb Hof hält, richten sich alle Augen auf jene einflussreichen Großsammler, die den Museen den Rang abgelaufen haben und dort ihre Besitzlust ausleben können, wo der Staat seine eigenen Ankaufsetats rigoros zusammengestrichen hat. Die wenigen Mega-Sammler mit ihren Beratern bestimmen das Bild, das sich die Öffentlichkeit vom privaten Kunstbesitz macht.

In Wahrheit gibt es so viele verschiedene Arten zu sammeln wie es sammelnde Individuen gibt. Im ersten Sammlergespräch auf der Freundschaftsinsel will der Brandenburgische Kunstverein Potsdam e.V. die Abendstunden eines idyllischen Sonntags nutzen, um mit Jochen Kienzle über seine Sammlung zu sprechen. Woher kommt die Lust eines Kunsthistorikers und langjährigen Galeristen, Kunst nicht nur zu betrachten, zu analysieren und mit ihr zu handeln, sondern mit ihr und neben ihr zu leben? Genügt sich eine Sammlung selbst oder braucht sie Publikum? Weiß derjenige, dem die Werke gehören, mehr oder anderes über seinen Besitz als die Fachwelt draußen, weil die Kunst zu seiner intimsten Lebenssphäre zählt? Und wie findet man unter den zahllosen Kunstwerken in den Ateliers und Galerien diejenigen heraus, die man nicht nur schätzt, sondern auch besitzen will?

Im Anschluss an zwei öffentliche Führungen um 14 Uhr und 17.30 Uhr, eine davon gemeinsam mit dem Sammler, wollen wir diese Fragen in einem entspannten Abendgespräch diskutieren und damit Einblicke in eine der herausragenden und ungewöhnlichsten deutschen Kunstsammlungen gewähren.

Der Brandenburgische Kunstverein Potsdam beginnt mit dem Gespräch eine Reihe von Veranstaltungen zur Vermittlung zeitgenössischer Kunst in Potsdam und will so den Pavillon weiter zu einem Ort machen, an dem sich die anspruchsvolle Gegenwartskunst einer breiteren Öffentlichkeit öffnet.

Gerrit Gohlke, Juli 2011



Sammlung Kienzle